036 | Das Jazz-Virus

Wann und wie es einen erwischen kann.

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Dies ist wieder eine Geburtstagsfolge. Ein großartiger Gitarrist wäre heute 93 Jahre geworden, wenn er noch leben würde.

Und für mich war er die absolute Initialzündung. Als ich circa 16 Jahre alt war, habe ich diese Aufnahme von ihm gehört und dieses Solo. Und ich habe dann dieses Solo, ohne zu verstehen, um was es überhaupt geht – von den Akkorden her gesehen – einfach Note für Note kopiert.

So, starte oben den Player, jetzt hören wir erst mal rein…



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Ein paar Auszüge aus dieser Folge

Hallo! Herzlich willkommen! Heute gibt es mal wieder eine Geburtstagsfolge. Ein großartiger Gitarrist wäre heute 93 Jahre geworden, wenn er noch leben würde. Er hat mit allen Großen gespielt, mit Frank Sinatra, mit Ella Fitzgerald, mit Sarah Vaughan, mit dem Geiger Stéphane Grappelli und auch mit dem großartigen Pianisten Oskar Petersen usw. und so fort.

Und für mich, wenn ich mal was ganz Persönliches hier sagen darf, war er die absolute Initialzündung. Als ich circa 16 Jahre alt war, habe ich diese Aufnahme von ihm gehört und dieses Solo. Und ich habe dann dieses Solo, ohne zu verstehen, um was es überhaupt geht – von den Akkorden her gesehen – einfach Note für Note kopiert.

Was hat mich damals so begeistert? Mich hat diese wahnsinnig swingende Phrasierung begeistert und überhaupt diese Auswahl der Töne. Wo nimmt er die denn überhaupt her? Ich hatte wie gesagt kaum Ahnung von den ganzen Jazz Akkorden. Das sollte sich dann später ändern.

So, aber wer war es jetzt? Es war der Gitarrist Joe Pass. Und dieses Album hat er 1964 aufgenommen. Die ganze Platte heißt „For Django“ – also gewidmet Django Reinhardt.

Die ganze Platte ist sagenhaft gut. Eine meiner absoluten Lieblingsplatten und eine der schönsten Jazzgitarren Platten überhaupt, die es gibt. Ich habe einfach Note für Note dieses Solos kopiert. Also ich habe fast alles rausgekriegt. Manche Sachen waren dann ein bisschen zu schnell und ein bisschen zu tricky, aber ich wusste nicht richtig, über welche Akkorde das ganze Ding funktioniert. Was aber im Nachhinein betrachtet gar nicht schlimm war, weil ich habe ganz viel direkt aus der Quelle gezogen. Und zwar diese ganze Phrasierung, dieses zwingende Gefühl. Und überhaupt all die chromatischen Umspielungen und so…

Also, Blues spielen konnte ich schon, aber das ist auch nicht so schwierig – rein vom Material her gesehen. Aber Jazz spielen war eine ganz andere Hausnummer. Und ich dachte ja immer, als Jazzmusiker kommt man halt so auf die Welt. Die einen können halt Jazz spielen und die anderen nicht. Und etwas später ist mir dann aber klar geworden, dass alle Jazzmusiker das von der Pike auf lernen mussten. Die ganzen Zusammenhänge. Das geht nicht einfach so. Wir sprechen hier von einem Zeitraum von Minimum zehn Jahren, die man sich mit dieser Musik und diesen Akkorden und diesen Phrasen und dieser Sprache beschäftigen muss, bevor der erste Knoten sozusagen platzt

Ich hatte einen Lehrer, Joe Haider, der Pianist, der gesagt hat, der Fortschritt des Jazz Musikers wird in Jahrzehnten gemessen. Wie kann es dann sein, dass einer mit 16 schon ganz toll spielt? Naja, er hatte mit sechs eben auch schon angefangen zum Beispiel. Und mit 26 macht er dann vielleicht den nächsten großen Schritt…

Also, hör dir die Platte mal an: „For Django“, Joe Pass. Und lass dich ermutigen:

Es ist eine sehr gute Idee, einfach mal irgendwelche Jazz Sachen nachzuspielen, auch wenn man gar nicht ganz genau weiß, über welche Akkorde das geht. Einfach irgendwas, was man wirklich, wirklich gerne hört. Vorausgesetzt man hört gerne Jazz, sonst kann man natürlich auch was anderes nachspielen.

Also ich war von dieser Musik damals von Joe Pass und dieser Phrasierung völlig hypnotisiert und das war dann klar: Ich wollte genau so was in meinem Leben auch machen. Habe ich dann später auch irgendwie gemacht.

So, jetzt schnapp dir auch, was du liebst im Jazz oder auch sonst wo, was du wirklich gerne hast und versuch einfach mal irgendwas nachzuspielen. Weil, das ist das am besten gehütete Geheimnis im Jazz: Die Platten selber.

Die ganzen Informationen sind auf den Platten, nicht in den Büchern. Ja, und apropos Bücher, natürlich findest du im Real Book und auch im Internet ein PDF dazu mit den Noten und den Changes, den Akkorden und der Melodie. Suche online einfach nach Joe Pass Rosetta PDF oder „Rosetta Real Book online PDF„. Dann findest du auch die Noten und selbstverständlich auch in Programmen wie „iReal Pro“ ein Playback dazu.


8 Gedanken zu „036 | Das Jazz-Virus“

  1. Ja!
    Mich hat es auch schon mehrmals erwischt mit verschiedenen Varianten.
    Und immer ist es die Kraft der Jazz-Sprache, die mich infiziert.
    Joe Pass ist sehr inspirierend und ich versuche jetzt auch, das Solo nachzuspielen.
    Groove und Phrasierung auf das Violinspiel zu übertragen gibt mir zu denken.
    Wenn ich mich mit so eindrücklichen Improvisationen auseinandersetze, ist immer wieder dieser freche Gedanke da: „Das klingt ganz logisch. Kann ich doch sicher gleich nachspielen“. Und wenn ich es dann versuche, kommt die Stunde der Wahrheit: Es ist hohe Kunst der Jazz~Improvisation. Und ich werde Gewahr: Die Früchte hängen hoch oben. Aber es gibt nichts Schöneres, als den nächsten Schritt zu planen und mit allen die Erfahrungen auszutauschen.

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  2. Hallo Klaus,
    an der Orgel ist es mir ähnlich ergangen mit dem Orgelsolo der Valentyne Suite von Colosseum (Dave Greenslade ab ca 3:30) 1969. da ist auch alles drin… arbeitsbedingt kann ich leider erst jetzt mein weiteres Jahrzehnt beginnen, aber es ist nie zu spät :-)
    Gruß Ernst

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  3. Am Anfang dachte ich, das klingt doch genau so schön wie Claus…;-).
    Und ich bin jetzt beruhigt, dass ich wieder 10 Jahre Zeit habe für die nächste Stufe, nur net huddle…

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  4. Eine sehr schöne, erhellende Episode! Jetzt weiß ich endlich, warum ich nie Jazzer geworden bin. Mir fehlt die akribische Lust am Dekaden dauernden langsamen Aufbau meiner Jazz Skills. So what, genießen kann ich Joe Pass & Co auch so. Als dilettierender Zuhörer.

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